von Rainer Hoffmann
Bürgerfahrten des Oberurseler Partnerschaftsvereins sind keine Vergnügungsreisen. Aber sie bleiben lange in Erinnerung. Darin waren sich auch die 48 Teilnehmer der einwöchigen dritten Bürgerreise in die russische Partnerstadt Lomonossow einig, die am Sonntag, 31. Juli 2005, zu Ende ging. Viele neue Kontakte zwischen Heimatforschern, Pädagogen, Künstlern und anderen Multiplikatoren wurden geknüpft. Auch Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum sorgte als privater Mitreisender dafür, dass die Tage an der Ostsee nicht nur mit gutem Essen und viel Wodka der überaus gastfreundlichen Russen vorübergingen.
Natürlich standen auch touristische Ziele auf dem Fahrtprogramm. Doch unter dem Eindruck des Kriegsendes vor sechzig Jahren hatten die Organisatoren Dr. Roswitha Rietschel-Kluge und Rainer Hoffmann vom Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften viel Zeit vorgesehen für persönliche Begegnungen und eigene Initiativen. "Wir hatten 2001 und 2003 so viele Programmpunkte eingebaut, dass wir nur von einer Sehenswürdigkeit zur anderen hetzten, ohne genügend Zeit für tiefer gehende Kontakte zu haben", begründete Rietschel-Kluge die flexible Programmgestaltung.
Nach Ankunft am 24. Juli in Lomonossow wurden alle Teilnehmer mit ihren Gastfamilien bekannt gemacht. Danach trafen sich Gäste und Gastgeber im Steineren Saal, wo 2003 der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet worden war, und lauschten einem klassischen Konzert von Interpreten in historischen Kostümen. Hier stießen sie auch auf eine offizielle Delegation der Stadt Oberursel, die in Lomonossow und Peterhof Gespräche geführt hatte und kurz vor der Heimreise stand. Zwei der "Offiziellen", Bürgermeister Hans-Georg Brum und die für Städtepartnerschaften zuständige Sachbearbeiterin Monika Seidenather-Gröbler, schlossen sich wie geplant der Bürgerreise an. Erster Stadtrat Dieter Rosentreter, Geschäftsbereichsleiter Peter Hartmann und der Leiter der Oberurseler IB-Behindertenhilfe, Udo Keidel-George, traten am Montag die Rückreise an.
Am Montag stand zunächst die Besichtigung der Brotfabrik "Lana" in Lomonossow auf dem Programm. Alle Produkte werden nur aus Rohstoffen ohne Geschmacksverstärker, Haltbarkeitsmacher und sonstige Zusätze hergestellt. Anschließend ging es zur gemeinsamen Fotoausstellung mit Künstlern aus Lomonossow und Oberursel im Kultursaal, nachmittags zu einem neuen privat geführten Gesundheitszentrum, das eine ärztliche Behandlung über die staatliche Grundversorgung hinaus vermittelt. Im Gesundheitszentrum ist ein Zahnarzt fest angestellt; weitere Ärzte kommen bei Bedarf aus den Krankenhäusern.
Auf dem Weg entdeckten die Oberurseler die von der Stadt Oberursel gestiftete Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Oberursel Mitte, die seit Mai in Lomonossow ihren Dienst tut.
Am Dienstag fand die obligatorische Stadtrundfahrt nach St. Petersburg statt, verbunden mit der Niederlegung eines Blumengebindes auf dem Piskarowskoje Friedhof zum Gedenken an die mehr als eine Million Opfer der Belagerung von Leningrad im 2.Weltkrieg. "Dieser Friedhof lässt uns die Dimension von Krieg ergreifend erkennen", sagte Rainer Hoffmann in einer Ansprache. Marina Achromowa von Lomonossower Partnerschaftsverein "Kalinka" dankte für die Geste der Versöhnung. Es gibt keine Familie im Großraum St. Petersburg, die nicht mindestens einen Verwandten auf diesem Friedhof begraben hat, berichtete sie. Hier liegt auch ihre Schwester, die als Kind die Belagerung nicht überlebt hatte.
Beim anschließenden Picknick, nach orthodoxer Tradition auf dem Friedhof zur Erinnerung und Ehren der Toten, wurden die Erlebnisse vielfach betroffen aufgearbeitet. Abends feierten alle dann schon wieder lockerer im "Chaplin Club" in St. Petersburg und genossen den Auftritt der A-cappella-Gruppe "Chempionki Mira", die im November Auftritte im Brauhaus Oberursel und beim "Ball Russe" in Wiesbaden haben wird.
Mittwochs gab es Gelegenheit für individuelle Programmteile, unter anderem gemeinsames Tanzen und Singen im Kultursaal, Künstlerworkshop im "Haus Anjou" oder eigenes Programm. Bürgermeister Brum, Monika Seidenather-Gröbler und die teilnehmenden Pädagogen trafen sich zu Kooperationsgesprächen in Schulen. Nachmittags besuchten Brum, Seidenather-Gröbler und Rainer Hoffmann das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg, um Details der Visabestimmungen, Praktikantenaustausch und Wirtschaftsförderung zu besprechen.
Am Donnerstag stand der Besuch des Palastes und Park von Pawlowsk auf dem Programm. Nach dem Mittagessen fuhren die Teilnehmer zum St. Petersburger Siegesplatz und besuchten dort das Mahnmal und Museum der Belagerung von Leningrad. Am Freitag ging es zum Sommerpalast Peters des Großen in Peterhof, der Partnerstadt von Bad Homburg. Nachmittags führte Dr. Rietschel-Kluge eine Gruppe in den Lomonossower Jugendclub "Junta" und in einen Kindergarten, der alle besonders beeindruckte. "Sogar die Treppengeländer sind hier auf Kinderhöhe", stellte eine Teilnehmerin erstaunt fest, "und die Kinder lernen schon früh, während die deutschen Kinder viel zu lange nur spielen dürfen".
Am Samstag wurde die Gruppe nach Wünschen aufgeteilt, um die Eremitage oder das Russische Museum mit der aktuellen Marc Chagall Sonderausstellung zu besuchen. Letztere ist weltweit zusammengetragen worden und in der Form bisher nicht ausgestellt worden. Abschließend fand eine Bootsfahrt durch die Flüsse und Kanäle von St. Petersburg statt.
Am Sonntag gab es noch einmal Gelegenheit zur eigenen Programmgestaltung, Zum Beispiel die Bootsparade zum Tag der Flotte in St. Petersburg, zu der Schiffe aus aller Welt zusammen kamen. Die offizielle Feier fand im Park Oranienbaum statt, mit Reden, Kampfschauspiel und Gesang. Beteiligt war auch der Chor "Baltiets", der 2004 beim "Shanty-Festival" in Oberursel aufgetreten war.
Abends hieß es dann Abschied nehmen und den Rückflug nach Deutschland an zu treten. Die russische Gastfreundschaft beeindruckte die Teilnehmer besonders. Sie wurden nie alleine gelassen, damit keiner verloren ginge. Das war auch nötig, denn Programmpunkte und Zeiten wurden nach Absprache unter den russischen Gastgebern kurzerhand improvisiert, ohne dass sie die Übersicht verloren. Unter den deutschen Teilnehmern befanden sich einige mit sehr guten Russischkenntnissen. So mussten die Russen zu ihrem eigenen Erstaunen keine deutschsprachige Reiseleitung stellen. Man verstand sich "mit Händen und Füßen", auch dank der Russisch-Schnellkurse, die die meisten Teilnehmer vor Abreise absolviert hatten und bei denen die Praktikantinnen aus Lomonossow so hilfreich gewesen waren.
"Die Woche ging viel zu schnell vorbei, ich möchte noch bleiben", so ein Teilnehmer. "Mein Russland Bild hat sich komplett verändert", meinte eine Teilnehmerin, "ich komme in jedem Fall wieder". Gelegenheit dazu wird es spätestens 2007 geben, wenn wieder die Bürgerreise des Partnerschaftsvereins nach Lomonossow ansteht. Zum Brunnenfest 2006 in Oberursel wird eine Bürgerreise aus Lomonossow erwartet, und so soll es im gegenseitigen Austausch weitergehen.



.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)



.jpg)
.jpg)